Im Blickpunkt
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Brent-Rohölpreis: Ausflug auf über 70 US-Dollar nicht von Dauer
Der Ölmarkt präsentierte sich in den vergangenen Tagen im altbekannten Spannungsfeld zwischen geopolitischem Säbelrasseln und fundamentaler Realität. Eine kurzzeitige, nachrichtengetriebene Aufwärtsbewegung, die den Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent nach der kürzlichen Preisspitze wieder auf über 70 US-Dollar je Barrel hievte, beginnt erneut einer Konsolidierung zu weichen. Damit setzt sich das Muster vom Jahresbeginn fort: Die geopolitische Gemengelage sorgt zwar für viel Rauch, ein nachhaltig höheres Preisniveau ist angesichts der intakten fundamentalen Voraussetzungen – vor allem mit Blick auf die üppige Angebotssituation – aber weiterhin nicht zu erwarten.
Preisspitzen am Rohölmarkt bilden sich zumeist zeitnah wieder zurück
Der Treiber der jüngsten Preisspitze war die erneute Eskalation im Konflikt zwischen Teheran und Washington. Während erste diplomatische Annäherungen die Notierungen kurzzeitig belasteten, sorgte eine Reihe von US-Maßnahmen für eine Trendumkehr. Die Warnung des Weißen Hauses an Handelsschiffe, iranische Gewässer zu meiden, Berichte über die Entsendung eines weiteren Flugzeugträger-Verbands sowie die Bestellung bunkerbrechender Bomben wurden vom Markt als Anzeichen für eine potenzielle Eskalation gewertet.
Eskalation im Streit zwischen den USA und dem Iran
Die ausgeprägte Besorgnis der Marktteilnehmer erscheint angesichts der systemischen Relevanz des Irans und der gesamten Region gerechtfertigt, wird doch eine potenzielle Blockade der Straße von Hormus als bedeutendes Risiko für die globale Rohstoffversorgung angesehen. Die zwischen dem Iran und Oman gelegene Meerenge ist eines der wichtigsten Nadelöhre der Welt. Im Jahr 2024 flossen hier durchschnittlich 20 Millionen Barrel Öl pro Tag durch – das entspricht rund 20% des globalen Verbrauchs an flüssigen Erdölprodukten. Da es kaum alternative Routen gibt, um diese Mengen im Falle einer Sperrung umzuleiten, hätte eine Blockade unmittelbare und nennenswerte Auswirkungen auf die weltweite Angebotsmenge.
Angst des Marktes erscheint wegen der systemischen Relevanz des Irans gerechtfertigt
Doch so greifbar die geopolitischen Risiken auch sind, treffen sie auf ein strukturell entspanntes Marktumfeld. Für Ernüchterung sorgte insbesondere die Internationale Energieagentur, die ihre Prognose für das globale Ölnachfragewachstum 2026 um 9% auf 850.000 Barrel pro Tag senkte. Gleichzeitig sind die weltweiten Rohöllagerbestände 2025 so stark gestiegen wie seit 2020 nicht mehr. Dies unterstreicht die allgemein vorherrschende Einschätzung eines anhaltenden Angebotsüberhangs, der wie ein natürlicher Puffer wirkt und Preisspitzen oberhalb der 70-US-Dollar-Marke begrenzt. Zusätzliche Entspannung brachte die Andeutung von US-Präsident Trump, dass sich die Atomgespräche mit dem Iran länger hinziehen könnten, was die Sorge vor einem unmittelbar bevorstehenden Konflikt linderte.
Fundamentale Realität bremst Anstieg
Die jüngsten Entwicklungen bestätigen einmal mehr, dass politische Eskalationen zwar kurzfristige Aufwärtsimpulse liefern, aber keine nachhaltige Trendwende einleiten können. Sofern es zu keinen physischen Angebotsstörungen kommt, bleiben die fundamentalen Faktoren dominant. Daher halten wir an unserer Einschätzung fest: Für die kommenden Monate erwarten wir eine volatile Seitwärtsbewegung im Bereich von 65 US-Dollar je Barrel. Ab der Jahresmitte dürfte dann der Angebotsüberhang den Preis wieder in Richtung 60 US-Dollar je Barrel drücken.
Geopolitische Krisen induzieren keine dauerhafte Trendumkehr